Das Kennzeichen ist mittlerweile gerade. Foto: Roman Domes

Eigentlich war als Auslieferungstermin Mitte bis Ende Juni angesetzt. Eigentlich. Mitte März trudelte eine Mail meines Händler ein, bei dem ich den neuen Ford Fiesta ST bestellt hatte. "Wir rechnen mit einer Anlieferung um den 13. April 2019. Eventuell auch etwas später." Das klang schon mal richtig gut. 
Doch es kam noch besser: Als ich Anfang April (natürlich war es der erste) noch einmal nachhakte, hieß es plötzlich: "Ihr Fahrzeug wurde vor zwei Stunden angeliefert." Und es war tatsächlich und zu meiner totalen Verwunderung kein Aprilscherz. Der Beweis kam in Form eines Handyfotos:

First Look. Foto: Autohaus Kuttendreier

Huch, ist das modern hier drin!
Der Tag der Abholung: ein großartiges Gefühl. Freitags früh aus dem Büro raus, kurz einen Sprung nach Hause. Die 2,6 Kilometer zum Autohaus bin ich gelaufen. Beim Händler angekommen, hab ich gleich den Hof gescannt, nach links und nach rechts geschaut, ob ich den kleinen Flitzer schon irgendwo erspähen kann. Ja, konnte ich, er stand direkt vor dem Eingang neben einem silbernen Mustang GT. Auch schön. Formalitäten. Dann der große Moment: Schlüsselübergabe, aufsperren, Tür öffnen. Neuwagenduft.
Auch cool: Beim Einsteigen begrüßt dich der große Monitor mit einer kleinen Animation samt ST-Logo. Doch noch viel beeindruckender sind die Sportsitze, die diesen Namen auch tatsächlich verdienen. Krasser Seitenhalt, viel besser als die M-Sitze im E46 und sogar besser als die guten, aber rutschigen Lederhocker im Z4. Perfekt. Besser sind nur echte Sportschalen wie zum Beispiel im Porsche Cayman GT4 oder die unfassbar guten Sitze im Civic Type R. Vorteil Fiesta: Das Recaro-Gestühl ist in drei Stufen beheizbar.

Foto: Roman Domes

Lenkrad- und Frontscheibenheizung? Because Daily-Driver!
Als Auto, das ich nicht nur nutzen möchte, um damit schnell auf der Nordschleife zu sein, sondern das auch die täglichen Dinge (Winter!) meistern soll, bekam der Fiesta ST außerdem eine Frontscheiben- und Lenkradheizung. Letztere ist ein echter Hit und ein Feature, das ich bei frischen Frühlingstemperaturen nicht mehr missen möchte. Trotz des Anforderungsprofils habe ich mich der Optik wegen für den Dreitürer entschieden. Sieht einfach besser aus, wiegt und kostet auch weniger.
Die perfekte Konfiguration also? Fast. Noch nicht ganz sicher bin ich mir beim Thema Rückfahrkamera, die wohl das Einparken in engen Parklücken nochmals erleichtert hätte. Vor allem deshalb, weil die Piepser gefühlt etwas träge ansprechen. Mal schauen. Richtig genial sind die LED-Scheinwerfer mit (etwas langsamen) Fernlichtassistent. Nachtfahrten auf der Autobahn? Taghell. Irre, wie viel Licht man heutzutage aus einem Kleinwagen rausbekommt.

Fasst sich gut an, weich beledert und beheizt: das Lenkrad. Foto: Roman Domes

Kernig, brabbelnd, stark und sparsam: der 1,5-Liter-Dreizylinder
Die erste Reaktion, wenn Leute erfahren, dass ein Dreizylinder den Fiesta ST motorisiert, ist: "Was? Und taugt der überhaupt was?" Das grundsätzliche Problem: Einen Dreizylinder assoziiert man erstmal mit Verzicht. Auch ich hatte zunächst Vorbehalte. Grund: Meine Mam hatte mal einen Opel Corsa 1.0 mit Dreizylinder, eine grauenvolle Kiste mit rumpeligem Motorlauf, ohne Leistung (60 PS, 88 Nm!!!) und recht hohem Verbrauch. Urghs.
Entwarnung: Der 1.5 im Fiesta ST hat mit früheren Dreizylindern nichts mehr zu tun - außer der, äh, Zylinderanzahl. Und er klingt richtig fies, vor allem beim Kaltstart: Gurgelnd brabbelt er vor sich hin, grrrrrmmmm. 200 PS und 290 Nm Drehmoment knallt der Kleine auf seine differenzialgesperrte Vorderachse, zum Vergleich: Beim 325ti waren es 192 PS und 245 Nm. So klein der Unterschied klingen mag, im täglichen Betrieb wieselt der 1,2 Tonnen leichte Fiesta ST deutlicher flinker los. 
Kein Wunder, denn damit wiegt er 250 Kilo weniger als der 3er. Vorteil Gewicht. Plus Vorteil Turbo, denn während der 325ti sein maximales Drehmoment erst bei mehr als 3.500/min erreicht, liegen die 290 Nm beim Fiesta schon bei deutlicher weniger als 2.000/min an. Verbrauch? Aktuell etwa sieben Liter, verglichen mit den zehn bis elf Litern im 3er ein echtes Sparwunder.

Kerniger Klang, Leistung satt: der 1,5-Liter-Dreizylinder-Turbo. Foto: Ford

Rotzfrech: Lenkung, Getriebe und Fahrwerk
Auch das Getriebe überzeugt: nicht zu bissige Kupplung, klar definierte Gassen, ein schön einrastendes Gefühl in der Hand beim Einlegen. Knackig-civicig-kurz sind die Schaltwege zwar nicht, aber das geht für mich trotzdem in Ordnung. Die Abstufung der einzelnen Gänge passt perfekt, bei 130 km/h auf der Autobahn im sechsten Gang liegen ca. 3.000 Touren an.
Am meisten beeindruckt hat mich die Lenkung und ihr Ansprechverhalten. Während man bei normalen Autos immer eine Art "tote Zone" um die Mittellage der Lenkung, huscht die Fiesta-Vorderachse auch bei kleinen Impulsen direkt in die vorgegebene Richtung. Krass - im Vergleich zum 3er und auch im Vergleich zum Z4. Und die Richtungsänderung geschieht zum Großteil ohne Karosseriegeschaukel oder Reingelehne in die Kurve, der Fiesta ST liegt richtig satt. Und er federt straff, viel straffer als der 3er.

Knackiger Abschluss mit LED-Rückleuchten. Foto: Roman Domes

Brillant gelungen ist Ford die Anbindung der Hinterachse ans Fahrerlebnis. Bei Fronttrieblern hat man oft den Eindruck, dass sie das Heck nur als unnötigen Ballast mitschleifen müssen. Die Vorderachse erledigt ja eh die gesamte Arbeit und gibt demzufolge auch die Grenze der Agilität vor. Nicht so beim Fiesta, der die Hinterachse aktiv mit einbindet ins Geschehen, etwa mit sanften Heckschwenks bei Lastwechseln. Fantastisch. 
Als Fahrerauto ist der Fiesta ST wirklich schwer zu toppen, auch mit Blick auf das Preis-Leistungsverhältnis. Ich bin gespannt, wie er sich auf der Nürburgring-Nordschleife schlägt. Doch die nächsten Tage steht noch Zurückhaltung auf dem Plan. Grund: die Einfahr-Phase. Die ersten 1.500 Kilometer soll man hohe Drehzahlen und damit auch Geschwindigkeiten vermeiden. Das fällt mir einerseits schwer, weil ich das Potenzial des Autos endlich ausloten möchte. Und andererseits auch ganz leicht, weil das Auto auch Spaß macht, wenn man nicht fährt wie ein Geischteskranker.

Der Kleine, in Nürnberg, ein Traum. Foto: Roman Domes

Back to Top